Gen Verde begeistert mit Tiefgründigkeit

Eichsfelder Tageblatt vom 22.09.2017

Projekt „Start now“: Internationale Musikerinnen geben Konzert mit Schülern von drei Schulen 

Von Rüdiger Franke

Beim Projekt „Start now“ in Duderstadt arbeiten Schüler und die Band Gen Verde zusammen.  Foto: Hinzmann

Duderstadt. Ein internationales musikalisches Buffet hat die Band Gen Verde gemeinsam mit Schülern dreier Duderstädter Schulen in der Sporthalle der Berufsbildenden Schulen aufgetischt. Dabei standen musikalische Gerichte aus unterschiedlichsten Ländern auf dem Speiseplan, serviert mit tiefgründigen Botschaften.

Eine Bahnstation, irgendwo auf der Welt. Die Menschen gehen schnell aneinander vorbei, das Mobiltelefon am Ohr. Jemand spielt Gitarre. Plötzlich formiert sich ein tanzender Flashmob und verschwindet ebenso schnell wieder. Die Menschen gehen in Zeitlupe. In ihrer Mitte eine junge Frau. Auf der Anzeige die deutsche Übersetzung ihrer Gedanken: „Wir alle tanzen zu unserem eigenen Soundtrack. Nur Fremde, die vorbeiziehen. Kein Kontakt. Die Welt ist ’beziehungslos’ geworden.“ Die Menschen seien von sich überzeugt, würden die anderen gar nicht mehr wahrnehmen. „Keine Gespräche gewünscht.“ Die Gedanken der jungen Frau gleiten aufs Gleis. „Würden sie es wahrnehmen? Oder würden sie sich nur beschweren über die bedauerliche Verzögerung? Wer würde den erstickten Schrei meiner Seele hören? Wer hätte den Mut, meine Hand zu halten, wenn ich die Kontrolle verliere?“

Zum Teil ist es schwere Kost, welche die Gruppe Gen Verde unter dem Motto „Start Now! – Es beginnt mit Dir!“auf der Bühne in der Sporthalle serviert. Die Teilung Koreas im Lied „Du bist ein Teil von mir“ oder die Abholzung des Regenwaldes am Amazonas. Und vor allem das „Wiegenlied“ für ein kleines Flüchtlingsmädchen, dessen Schicksal die Bandmitglieder schwer verkraften konnten. In ihrem schönsten Kleid und mit Lackschühchen sei sie auf der Flucht gewesen. Später sei sie ertrunken vor Lampedusa und im Laderaum eines Fischerbootes entdeckt worden. „Bei dem Stück haben viele mit den Tränen kämpfen müssen“, ist sich BBS-Schulleiterin Sabine Freese sicher. Diese Stücke machen betroffen. Doch die Musikerinnen verstehen es das Publikum mit Liedern mit positiver Grundstimmung aufzubauen. Gemeinsam mit den Schülern singen sie Stücke wie „My heart has no frontiers“ (Mein Herz hat keine Grenzen). „Auf geht’s“ ist eine dieser positiven Botschaften, die immer wieder vorkommen. „Zu denken, ich kann doch eh nichts ändern, heißt bereits aufgegeben zu haben“, heißt es in einem Lied. „Aber wer soll anfangen, wenn nicht ich? Und wann soll begonnen werden, wenn nicht jetzt?“

Schüler-Workshops
mit Bandmitgliedern

Und, eingearbeitet in das Programm, zeigen immer wieder die Schüler der BBS, der Vincenz-von-Paul-Schule und der Pestalozzischule, was sie zu Beginn der Woche in verschiedenen Workshops mit den Bandmitgliedern gelernt haben. „Die zwei Tage waren viel zu kurz“, bedauert Eyob-Tesfay, der mit seinen Freunden am Workshop der Pop-Tanzgruppe teilnahm. Es habe aber riesigen Spaß gemacht. Das bestätigen auch Nadine und Paulin, die den Workshop Theatrical Percussion besuchten. „Es war eine ganz neue Erfahrung“, sagt Paulin zum Einüben ihrer Performance, bei der sie mit Stöcken und ihren Füßen rhythmische Klänge erzeugten. Es sei auch interessant gewesen, mit jemandem zu arbeiten, der die deutsche Sprache nicht beherrsche.

Das Ziel sei gewesen, eine Nachhaltigkeit zu erzeugen, erklärt Schulleiterin Freese. Die Musik habe eigentlich für alle Geschmäcker etwas geboten und die Texte würden zum Nachdenken anregen. Projektveranstalter war die Pfarrgemeinde St. Cyriakus, gemeinsam mit dem Jugendzentrum Emmaus. Und auch Propst Bernd Galluschke fand großen Gefallen an der Aufführung. Die 23 Projektmitglieder aus 14 Ländern würden mit ihrer Einstellung und ihrer positiven Energie bei den Jugendlichen etwas bewegen. Und die bewegten sich auch noch nach den 150 Minuten der Aufführung. Im Handumdrehen waren die Sitzreihen abgebaut und die Fußbodenmatten eingesammelt. Alles ging Hand in Hand und ohne zu murren. Denn: „Wer soll anfangen, wenn nicht ich? Und wann soll begonnen werden, wenn nicht jetzt?“

An dieses Projekt werden sich die ­Jugendlichen noch lange erinnern.

Sabine Freese, BBS-Schulleiterin